@Copyright, 2019 Mariejon de Jong-Buijs

​ ​​​Mariejon de Jong-Buijs

 

Accummulated Experiences

Lebhafte Eindrücke der erlebten Vergangenheit und der aktuellen Gegenwart füllen die 50 Meter langen Baumwollstoffbahnen. Sie präsentieren sich säuberlich gefaltet und gebündelt, als Zeichen des Experimentierens, der Suche und einer innigen, intensiven persönlichen Erfahrung. Die Herstellung der Bahnen ist ein Prozess des Einsammelns, des Zusammenfassens und Gruppierens, eine Strukturierung und Gliederung der Vielzahl von Eindrücken und Erfahrungen in Kombination mit Bewegung und Gefühl, motion and emotion, die für mich eine gewaltige, eindrückliche Struktur ergeben, ein Monument für die erlebte Zeit.
Den Moment der Entstehung zu erleben, ist ein Bestandteil der Arbeit, weil während des Erfahrungsprozesses ich die Einzigartigkeit des Momentes wahrnehme, bei dem die einmaligen Ein- und Abdrücke auf dem Material erfolgen. Der zeitliche Ablauf während der Entstehung, der Ort und auch die Umgebung sind von grosser Bedeutung für die Arbeit. Dieser Erfahrungsprozess, wenn sich die verschiedenen Elemente auf der Stoffbahn vereinen und eine tiefe Prägung hinterlassen, nimmt mich auf dem Traktor voll in Beschlag. Das offene Feld gibt mir den nötigen Freiraum, ohne Zäune, Konventionen, Rahmen, Wände, Decken oder andere physische Grenzen zu malen.

Industrielle Maschinen faszinieren mich in ihrer physischen, immanenten Materialität als Gegensatz zur heutigen, zunehmende digitalen und virtuellen Realität, in der wir uns bewegen. Sie stehen für Kraft und Bewegung, sind laut mit ihren Motoren, riechen nach Öl und Metall, stellen Dinge gemäss den vorgegebenen Prozeduren und vorhandenen Werkzeugen her. Sie werden dabei von Menschen gesteuert und kontrolliert. Mensch und Maschine stehen in einem engen Austauschverhältnis. In meiner Arbeit wirkt die verwendete Maschine wie eine Verlängerung meines Pinsels, sie ist ein Werkzeug, das sich nach meinen Vorstellungen einsetzen lässt. Als Lenkerin des Traktors übernehme ich die Verantwortung, ich bestimme die Bedingungen und Parameter. Das Bild ist auch das Resultat eines intensiven kontinuierlichen Entscheidungsfindungsprozesses basierend auf Beobachtungen, persönlicher Einschätzung, einer laufenden Beurteilung der Situation und sofortiger Ausführung am Steuerrad der Maschine, viele intensive Tätigkeiten, die gleichzeitig und mit vollem Engagement ausgeführt werden müssen. Die eigentliche Erfahrung verläuft dabei wie auch im Leben nicht immer geradlinig und in eine Richtung. Es kann durchaus zu Wiederholung, Wendungen, Zick-Zack und sonstigen unsteten Verläufen kommen.

Das Werk – wenn in seiner gesamten Totalität ausgebreitet – stellt sich als gewaltige, monumentale Struktur dar mit einem grossen Reichtum an „Eindrücken“, „Motionen“ und „Erfahrungen“. Selbst wenn zusammengefaltet und gebündelt ergeben sich unzählige Möglichkeiten zur subjektiven Betrachtung der substanziellen Inhalte. Dies ist auf die Leichtigkeit und Durchlässigkeit des Materials, sowie die Transparenz der Farben und Linien zurückzuführen. Dem Betrachter eröffnet sich eine teilweise repetitive Aufzeichnung, eine eigentliche Spur, ohne klaren Anfang und eigentliches Ende. Von grosser Bedeutung für den Gesamteindruck ist die als externe Intervention maschinell aufgebrachte Farbe, die gemäss der persönlichen Stimmung ausgewählt und der eigentlichen Erfahrung beigemischt wird. Sie widerspiegelt die emotionale Grundtönung unserer Wahrnehmung, die sehr stark von der individuellen, zum jeweiligen Zeitpunkt vorherrschenden Stimmung abhängt. Die Aufzeichnung der farblichen Intervention erfolgt entweder in punktuellen, emotionalen Spritzern oder parallel verlaufenden, mehr oder weniger strukturierten, kontinuierlichen Linien, vergleichbar mit der allgemeinen gefühlsmässigen Wahrnehmung der Realität.

Die Arbeit ist ein Erinnerungsprotokoll der effektiven, physisch realen und experimentell erfahrenen Realität. Die Idee besteht aus dem Festhalten der Eindrücke eines Momentes, in der Grösse angepasst und von einer dreidimensionalen Struktur in die Zweidimensionalität überführt, so dass die Materialität in der Gesamtheit auf einem kompakten und veredelten Trägermedium zusammenfasst und vermittelt werden kann. Diese „Zeitkapsel“ lässt sich transportieren und überall in der Welt, zu jedem beliebigen Zeitpunkt ausbreiten. Sie erschliesst sich dem Betrachter unabhängig davon, von wo er kommt oder wohin seine persönliche Reise geht.

Manchmal werde ich nur einen Teil der Arbeit auseinanderfalten und dabei diesen spezifischen Ausschnitt der erfahrenen Eindrücke dem Publikum offen darlegen, so wie sich auch das Innere einer Person mit all ihren Charaktereigenschaften, Gefühlen und Erinnerung sich immer nur in Teilen offenbart. Ein Teilbereich der Arbeit wird dem Betrachter immer verborgen bleiben. Für Aussenstehende ist es nicht von Bedeutung, den gesamten Inhalt der Aufzeichnung zu erleben. Wichtig erscheint mir die Wahrnehmung der persönlichen Relevanz bei der Spurensuche des einzelnen festgehaltenen Moments in seiner Ästhetik und Schönheit. Die Materialien, die spontan auf dem Trägermedium zurückbleiben, stellen ein Fragment von Zeit und Raum zur Schau. Meine Absicht ist dabei, dem Betrachter verschiedene Perspektiven der Wahrnehmung zu ermöglichen. So bleibt es für das Publikum immer offen, welcher Teil der eingefangenen Realität es gerade betrachtet, und was vielleicht im Verborgenen bleibt.

Basel, 2015
Mariejon de Jong-Buijs